Nach dem EOS-Abi in Strausberg heuerte ich beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) an, um „Waffenhändler in Libyen“ zu werden. Lehrer oder Pfarrer wollte ich nicht. Für meinen eigentlichen Verwendungswunsch „Mauerschütze“ oder „Grenzstreifen-Kiesharker“ hielt mich Putin für überqualifiziert. Auch ohne Putin, wurde ich für letztere Funktionen nicht in die engere Auswahl gezogen, da meine Mutter ja eine West-Frau war (was ich erst später vom Ami erfuhr). Außerdem hatten die Angst, dass ich vor lauter Langeweile faule Bundesgrenzschützer mit köterblonden „hinten lang, vorne kurz Schnitt“ (hilavoku) und dünnem Schnauzer abknalle und die SED-Bonzen in ihrem Asbest-Tempel keinen Bock hatten, Verbalnoten zu beantworten. Die haben die Errichtung einer Botschaft in Bonn bereut.
Selbst mein Vorschlag, an Eides statt versichert und notariell beglaubigt, nicht unseren Wachturm gut sichtbar für BGSler „A.C.A.B.“ oder „Für eine Welt ohne Bullen“ zu sprayen, überzeugte die Personaler nicht. Für mich erschwerend kam hinzu, dass unser scheidender Staatsratsvorsitzender Erich Ernst Paul Honecker aus dem Saarland auf eine schmucke Lederjacke von einem mir nicht bekannten hanseatischen Rocker ohne festen Wohnsitz freudig gewartet hat, was ich in der Cafeteria in der Normannenstraße erfuhr. Da wurde echt viel getratscht.
Meinen Marschbefehl nach Tripolis im Seesack. Und Markus Johannes „Mischa“ Wolf, der mit Alu-Chips B-besoldete „Mann ohne Gesicht“ aus Baden-Württemberg, der aus Angst vor ein paar Faschos zu uns Sowjets rübermachte und zusätzlich seine Heimat verriet (Nachtreten), daher besser Russisch konnte als ich, obwohl er Arier mit dunklem Haar war, wünschte mir „Gute Reise“ und das vor dem Hintergrund seines schon Jahre zurückliegenden Ablebens. Für mich als jungen Offizier im besonderen Einsatz (OibE) ohne Uniform ein Gänsehautmoment. Obwohl ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich mir das nicht doch nur eingebildet habe. Sein Händedruck war jedenfalls mittelfest.
Dann kam leider die Wende. Glück im Unglück. Schergen des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) aus Friedland hielten mich für Zitat: „nicht ganz sauber“, weil ich bei der Befragung konsequent „7“ gesagt habe. Sie stuften mich, da sie nicht wussten, wie sie das Verschriften sollten, einfach als „komplett geisteskranken jugendlichen Mitläufer“ ein. Sie hofften, dass das angesichts der noch zu befragenden weiteren 13 Millionen Stasileute schon untergeht. Wo gearbeitet wird, da fallen Späne!
So entkam ich Galgen, Giftspritze, elektrischem Stuhl und Fallbeil (in der Reihenfolge, weil es sonst keinen Sinn ergibt, bzw. keinen Spaß macht). Ich musste nach dem kurzen Prozess vor dem S-Bahnhof Strausberg, nur zwei Wochen Sozialstunden in der Teeküche bei der neu errichteten Bundeszentrale für Politische Bildung ableisten. Ordonanz. Die milde Strafe verwunderte mich schon, auch, weil mir ein Rechtsbeistand verwehrt wurde und ich mich nicht hinsetzen durfte. Da war auch kein Stuhl.
Während der bundesdeutsche Militärstaatsanwalt, vor einem klappbaren Gartentisch sitzend, die Anklageschrift verlas, grübelte ich, obwohl Nichtraucher, ob ich das Angebot der mir nach der Genfer Konvention zustehenden Zigarette vor der Erschießung annehme, da ich immer schon wissen wollte, wie Kippen schmecken. Zudem hätte ich nach der Schweizer Vorschrift, sofern der Militärjurist nur eine Freiheitsstrafe im Auge gehabt hat, Anspruch auf ein Einzelzimmer mit genügend Zugang zu Papier und Stift, sowie schöngeistiger, bisweilen bisexueller, deutscher Literatur gehabt.
Den WLAN-Code vom Gulag hätten die mir auch geben müssen, da ich sonst keine Erotikfilme hätte konsumieren können. Und Niemand dürfte mich zu den Unteroffizieren oder gar dem Kanonenfutter stecken, da ich deutscher Offizier war. Ein kleiner Trost. Dass ich (mir bis dahin unbekannt) Russe bin, hätte ich aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen (Notlüge in Notlage) für mich behalten, auch wenn Schweigen grundsätzlich straffrei ist. Außer bei der Bunsenbrenner-GeStaPo und dem pummeligen Kim.
Ich hätte es wie meine Genossen machen sollen. Fleißig Sozialversicherungsmarken (SV-Marken) ins rote Rentenbuch kleben und bei der Deutschen Rentenversicherung vorgeben, seit 1949 als Raketenwissenschaftler (ich war zwischenzeitlich zum Dipl.-Ing. aufgestiegen) sozialversicherungspflichtig eingezahlt zu haben (daher der Name). Anspruch! Außerdem hatten wir da immer noch IMs, da wir vorausschauend bereits Jahre zuvor ein paar dicke Frauen nach Moabit schleusten, mit dem Auftrag, sich als Bürosachbearbeiterin zu bewerben und uns dann wichtige Informationen zu morsen. Den Damen haben wir vor der inszenierten Flucht routiniert die Polyester-Kittel zerruppt und Grenzstreifenkies in die Dauerwelle gestreut, damit die dämliche Landesbehörde für Verfassungsschutz (LfV Berlin) keine Fragen stellt à la: „Wie sindse da übahaupt so unbeschadet üba‘n Stacheldraht jekomm?“ Die IMs haben nach 1989 dort einfach weiter gemacht. Wenn sie nicht gestorben sind, dann bescheiden noch heute.
Daneben hätte ich eine schnuckelige Villa am Müggelsee auf 6000 Quadratmeter Grund von irgendeinem Republikflüchtling besetzen und mir dauerhaft zueignen können. Notfalls hätte ich den niederschlesischen Rechtsanwalt Wolfgang Heinrich Vogel gefragt, ob er Wen kennt und falls ja, hätte ich ihn gleich mit beauftragt, mich ins Grundbuch beim AG Köpenick einzutragen. Er wurde ja vom Westen und auch von uns bezahlt. Ob er Notar ist, weiß ich nicht. Der Tätowierer, Muay-Thai-Boxer, Deutschrapper und spätere Schlagersänger Bushido, der seine sauer ersungenen Häuser ohne Not an den Abou-Chaker-Clan spendete, hätte dann kurz warten müssen.
Als problematisch erwies sich der traurige Fakt, dass die Bewohner der Müggelsee-Villen (echte Schriftsteller, Kinderbuchautoren, Illustratoren, die Macher der Digedags, Bühnenbildner, Blockflötenlehrer, Bildhauer, Buhdies, BfV-Überläufer und Verräter anderer Behörden) einfach nicht „Rübermachen“ wollten. Die meisten „Flüchtlinge“ ließen nämlich nur unaufgeräumte Plattenbau-Wohnungen zurück, die wir uns hätten selber Bauen lassen können. Wir mussten die unkritischen Künstler regelrecht überzeugen, sich auf eine der zahlreichen Fluchtrouten zu begeben. Nicht so wie Biermann, Manne Krug oder Nina Hagen, die hatten ja echte Gründe. Für zusätzliches Salär einfach „Tesla“ in Grünheide oder „Carl Zeiss“ in Jena für Tausend Mark von der Treuhand kaufen… Ich bin nicht zu ehrlich, aber zu blöd und auch zu langsam für sowas.
Nachdem ich „gegauckt“, „abgebirthlert“ und „durchgejahnt“ war und meinen Persilschein 2.0 in der Tasche hatte, musste ich mir eine solide Basis für die Zukunft schaffen. Auch weil ich bitter feststellen musste, dass mein „Dipl.-Ing.“-Stasi-Zeugnis, für das ich einen sechswöchigen Lehrgang im Fach „Marxismus-Leninismus“ in Basdorf besuchte, keine Sau interessierte.
Für ein paar Kopeken auf die Hand bewachte ich Autohöfe in Ost-Berlin, die überall aus den Böden sprießten und war kurz auch Berater und Komparse beim Film „Das Leben der Anderen.“ Stasi-Filme konnten sich langfristig nicht gegen „1933-1945 Movies“ durchsetzen, so dass meine Expertise nicht lange gesucht wurde. Selbst „1914-1918 Movies“ verkauften sich besser.
Irgendwie wird es schon weiter gehen.